Ein politischer Transhumanismus

Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir Spezies verändern können und mit den möglicherweise folgenschwersten Erfindungen aller Zeiten buchstäblich über das Schicksal der Menschheit entscheiden.

Doch unsere größten Alltagsprobleme umfassen heute die Post vom Finanzamt und der GEZ. Das Desinteresse, mit dem viele unserer passiven Zeitgenossen dem politisch-gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Geschehen gegenüberstehen, steht im krassen Widerspruch zu den Möglichkeiten, die sich uns bieten.

Eine Antwort darauf ist der Transhumanismus. Dieser kann als die überfällige Grundsanierung des humanistischen Wertegebäudes verstanden werden.

Wie ist das gemeint?

Der Humanismus als Auslaufmodell

In einer Welt, welche zunehmend durch eine globalisierte Wirtschaft und die totale Vernetzung dominiert wird und in der die Risiken und Möglichkeiten neuer Technologien einen bisher ungekannten Grad erreicht haben, muss man sich die Frage stellen, ob die Politik unserer Zeit überhaupt noch dazu fähig ist, sich mit gegenwärtigen und zukünftigen Problemstellungen auseinanderzusetzen.

Doch wenngleich wir uns der Kritik der politischen Verhältnisse widmen wollen, soll es an dieser Stelle nicht um die üblichen Tiraden wider das konkrete politische Handeln unserer herrschenden Eliten gehen. Vielmehr wollen wir uns eines Themas annehmen, das herrschende Parteien und Opposition sowohl linker als auch rechter Gesinnung gleichermaßen betrifft – der ihnen allen zugrundeliegenden Philosophie des Humanismus und der Frage, ob diese den Erfordernissen einer modernen Politik überhaupt noch gerecht werden kann.

Der Humanismus war ursprünglich eine Philosophie des Rückbezugs auf die Antike. In seinem Rückbezug war er in der Zeit des seinem Ende entgegenstrebenden Mittelalters ironischerweise revolutionär.

Der Mensch ist seitdem das Maß aller Dinge und der Fokus des Lebens wurde auf das Diesseits gelegt.

Nicht Gott und Jenseits standen mehr, wie in der mittelalterlichen Scholastik, im Zentrum der Betrachtung. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Humanismus sich durchaus gewandelt, doch im Kern blieb er sich stets treu: Rückbezug auf die antiken Klassiker und ein auf ihrem Studium aufbauendes Bildungsideal sowie der Mensch als Zentrum einer idealistischen Betrachtung.

Aus diesen Kernelementen bezieht der Humanismus jedoch auch seine großen Schwachpunkte. Er blickt stets zurück und nicht voraus, versucht Weisheit aus Schriften zu ziehen, deren Autoren gar nicht über die Vorstellungswelt verfügten, um die Probleme unserer Zeit zu betrachten. Das größte Problem des Humanismus besteht jedoch in seinem extremen Anthropozentrismus, der den Menschen nicht nur über die Natur erhebt, sondern ihn auch als abgeschlossenes Wesen betrachtet.

Wenn man seine Politik darauf aufbaut, ohne Rücksicht auf Verluste den Wohlstand des Volkes zu wahren. Wenn man Tiere rechtlich als bloße Objekte betrachtet und ihr Leid wohlwissend hinnimmt; wenn man Maschinen verdammt, weil sie den fleißigen Bürgern die Arbeitsplätze wegnehmen; und wenn man Wissenschaftlern den Zugang zur Stammzellforschung verwehrt, auf dass ja nicht das Bild des Menschen als Gotteskind und Krone der Schöpfung beschädigt wird – dann ist man ein braver Humanist.

Doch in einer solchen Welt, die sich nur um die Entität Mensch dreht, ist kein Platz für Umweltschutz, für die Rechte von Tieren und künstlichen Intelligenzen, für Fortschritt. Der Humanismus dreht sich um sich selbst und dabei zerstört er die Welt und alle Zukunftsperspektiven, denn er verweigert sich den Neuerungen unserer Zeit. Anstatt sie zu verstehen und aktiv zu nutzen, verdammt er sie und hofft, dass sie wieder verschwinden mögen. Doch sie bleiben und beeinflussen zunehmend unseren Alltag.

Man mag jetzt anbringen, dass man den Humanismus nur ein wenig erneuern oder erweitern müsse, um weiter mit ihm zu arbeiten. Die Frage ist jedoch: Warum sollte man das tun? Um ihn zu modernisieren, müsste man seinen Kern verändern, doch wenn man seinen Kern verändert, dann ist er kein Humanismus mehr. Nein, die Zeit des Humanismus ist abgelaufen und jeder, dem an der Welt und am Fortschritt unserer Spezies liegt, sollte ihn dorthin verbannen, wo er hingehört: in die Geschichtsbücher.

Heute bedarf es einer neuen Philosophie, welche die noch funktionierenden Elemente des Humanismus nutzt und weiterentwickelt, dessen archaische Grundkonzepte jedoch transzendiert. Eine Philosophie für eine neue Zeit, ausgestattet mit den notwendigen Begriffen und dem Gestaltungswillen, um sich den Erfordernissen der Zukunft zu stellen und eine freiheitliche, sich entwickelnde Gesellschaft erblühen zu lassen. Eine Philosophie, die das Leben und den Fortschritt ins Zentrum rückt.

Transhumanismus – der Weg in die Zukunft

Als solches ist der Transhumanismus ein zukunftsorientiertes und -bewusstes Konzept, in dem sich die Menschheit durch die von ihr geschaffenen Werkzeuge selbst verbessert und ihren Status quo transzendiert. Mit dieser Transzendierung möchte der Transhumanismus das Versprechen von Entfaltung und Glück für jedes Individuum, unabhängig von dessen physiologischer Beschaffenheit, endlich einlösen: Die Früchte moderner Entwicklungen sollen allen Menschen zugänglich gemacht werden. Die gemeinsame Nutzung unserer kollektiven Intelligenz wird letztlich allen zugutekommen. Die Verwirklichung dieses Anspruchs kann dabei vom Erreichen des Weltfriedens bis zur synthetischen Evolution nahezu endlos viele Szenarien beinhalten.

In Zeiten, in denen Informations-, Desinformations-, und Änderungsüberflutung, Unaufgeklärtheit und Orientierungslosigkeit zu den größten Gefahren werden, bedarf es einer solchen neuen Form der Aufklärung, gehen technologische Entwicklungen doch mittlerweile weit schneller vonstatten, als selbst die Experten voraussehen. So machen gar maßgebende Futuristen und Trendforscher wie Peter Diamandis und Ray Kurzweil oftmals mindestens zwei Fehler bei ihren Vorhersagen:

Erstens: Sie unterschätzen Synergieeffekte.

Es passieren aktuell derart viele Fortschritte auf so vielen Gebieten, dass man Kreuzeffekte so gut wie nicht vorhersagen kann, selbst wenn man sich bei seinen Vorhersagen nur auf einige wenige Kerntechnologien beschränkt, wie es Kurzweil zum Beispiel in einem seiner Bücher mit der „Gen- Bio- Nano- & KI“-Prognose macht.

Denn allein, wenn sich z.B. Drohnen- und Virtual-Reality-Technologie auf einmal wesentlich schneller entwickeln als angenommen, kann es durchaus sein, dass alle anderen Vorhersagen dadurch stark betroffen sind. Auch die Robotik hat aufgrund dieser Synergien in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht.

Wenn wir uns zum Beispiel vorstellen, dass auf einmal jeder in Echtzeit überall, kostenlos und zu jeder Tages- und Nachtzeit virtuell auf und über der Erde unterwegs sein kann, kann das zu absolut unvorhersehbaren Entwicklungen führen. Und die dazu notwendigen technologischen Schnittstellen können unter den richtigen Umständen dank MOOC’s (Massively Open Online Courses) etc. 99% aller Menschen auf der Erde problemlos entwickeln bzw. nutzen.

Was passiert denn zum Beispiel, wenn ein solcher Dienst zu einem Hype wird und auf einmal Millionen Menschen zeitgleich die Erde erkunden? Dies allein kann einen nie dagewesenen Reiseboom hervorbringen wie Pokémon Go ihn im Kleinen bereits erzeugt hat. Es könnte auch zu globaler Empathie führen, da mit einem Male Schicksale an jedem Platz der Erde instantan erfahrbar werden. Vorbei wären die Zeiten, in denen Bilder im Hintergrund eines Nachrichtensprechers zeigten, wie die Welt ist. Wenn zu diesem Zeitpunkt etwas passiert, kann jeder Mensch Minuten später erleben, was dort vor sich geht. Dies kann ebenso gut eine völlig neue Art des Katastrophentourismus mit sich bringen. Der Punkt ist: Wir können dies nicht abschätzen, aber wir können die Entwicklungsrichtung beeinflussen.

In einer Zeit, in der selbst Experten kontinuierlich überrascht sind von der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, ist das politische Entwicklungsbewusstsein von enormer Bedeutung. Ansprechpartner, die Orientierung geben können und die Menschen an die Hand nehmen und durch diesen Dschungel führen können, bis sie sich selbst zurechtfinden, sind jedoch Mangelware. Und jeder Transhumanist besetzt in diesem Szenario ungefragt eine Marktlücke.

Die Notwendigkeit eines politischen Transhumanismus

Und damit kommen wir zu Fehlannahme Zwei: Die meisten aktuellen Zukunftsforscher wie Diamandis und Kurzweil gehen implizit oder explizit von einer verschlafenen und altbackenen Politik wie bisher aus. Sie verorten Fortschritt ausschließlich in der Wirtschaft. Wir hingegen gehen mit der These Yuval Noah Hararis konform, dass Fortschritt in den letzten fünfhundert Jahren vor allem durch das Wechselspiel dreier Kräfte gestaltet wurde und wird:

  1. Politik
  2. Wirtschaft
  3. Wissenschaft

Man stelle sich vor, die federführende Politik würde aktiv auf die Zukunft hinwirken. Sie würde nicht wie bisher so oft zum Hilfswerkzeug konservativer Lobbys verkommen, sondern sich mit Idealen und Visionen einer besseren Zukunft für alle statt nur für wenige verschreiben. Dieser im Optimalfall harmonische Dreiklang kann unseren globalen Fortschritt noch zu ganz anderen Höhen verhelfen. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Politik von Menschen gemacht wird, die nicht verstehen und auch gar nicht verstehen können, was unsere Gegenwart eigentlich auszeichnet.

Überall auf der Erde wird dem Fortschritt von politischer Seite im besten Fall mit Ignoranz und Unverständnis begegnet, im schlimmsten Falle mit Ablehnung und massivem Gegenhalten. Unterstützt wird das Ganze von Lobbygruppen, die ebenfalls zum erdrückenden Großteil aus den Dinosauriern des analogen Zeitalters bestehen. Die Indizien eines großen gesellschaftlichen Wandels durch technologischen Fortschritt sind jedoch so erdrückend, dass jede Politik, die glaubt, das Problem einfach aussitzen oder dem Markt überlassen zu können, vollkommen fehl am Platze ist.

Aufgabe der Politik sollte es stattdessen sein, die Menschen hinreichend vorzubereiten, so dass diese die neuen Chancen nutzen können und sich der Risiken, die ein solcher Wandel mit sich bringt, voll bewusst sind. Sie muss den Wandel steuern, anstatt von ihm gesteuert zu werden. Sie muss den Fortschritt zum Wohle aller fordern und fördern, anstatt ihn auszubremsen und zu verhindern. Wie gut kann eine Zukunft werden, wenn sie nicht mehr wie heute viel zu oft von der Wirtschaft blind dominiert, die Wissenschaft von ihr stranguliert und die Politik mundtot gekauft wird, sondern wenn alle drei Kräfte an einem gemeinsamen und visionären Strang ziehen?

Der Transhumanismus ist ein noch weitgehend unbelastetes Konzept einer neuen Gesellschaft, die von jedem engagierten Menschen aktiv mitgestaltet werden kann. Dies allein ist ein positiver Beitrag zu unserer demokratischen Kultur und kann endlich einen gangbaren Weg aus der Politikverdrossenheit darstellen. Und es braucht ihn, weil Fortschritt momentan überwiegend politisch ungerichtet passiert; was in Anbetracht der sich bietenden Möglichkeiten mehr als fahrlässig anmutet.

Der Transhumanismus kann die Aufgabe übernehmen, die Bevölkerung auf die kommende technologische Wende vorzubereiten, damit zum Beispiel der Abbau und Verlust von Arbeitsplätzen durch Technologie möglichst nahtlos an ein bedingungsloses Grundeinkommen anschließt, denn Ziel eines politischen Transhumanismus ist es, jeden Einzelnen in der Gesellschaft zum aktiven Mitgestalter zu machen.

Und so transzendieren wir den Humanismus und setzen ihm den Transhumanismus entgegen, welcher das Individuum ins Zentrum stellt statt den Menschen an sich; der adaptiert, statt nur zu verwalten; der frohen Mutes in die Zukunft blickt und Erkenntnisse aus der Wissenschaft nutzt, anstatt Trost in den Schriften längst vergangener Zeiten zu suchen; der den Fortschritt in konkreten Anwendungen anstrebt, statt sich in den moralischen Wirrungen einer altertümlichen Tugendethik zu verheddern.


(Originalartikel: http://unserezeit.eu/2017/05/26/fuer-einen-politischen-transhumanismus/)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s